Stiftsbezirk St. Gallen – Weltkulturerbe mit herausragender Geschichte

In St. Gallen ist Geschichte auf Schritt und Tritt erlebbar. Das Wahrzeichen der Stadt ist der St. Galler Stiftbezirk mit seiner barocken Kathedrale, der 1983 samt Bibliothek und Stiftarchiv in die Liste des UNESCO-Weltkulturerbes aufgenommen wurde. Bereits im 8. Jahrhundert n. Chr. wurde die Benediktiner-Abtei gegründet, woraus sich im späteren Mittelalter eine bedeutende Klosterstadt entwickelte. Während der Reformation bildete sich daraus ein befestigter Stadtteil. Im Spätbarock wurde die Klosteranlage anschließend zu einer fürstäbtlichen Residenz mit der bekannten Klosterkirche und der heutigen Bistumskirche ausgebaut. Die barocke Stiftbibliothek stammt ebenfalls aus dieser Zeit und zieht jährlich um die 100’000 Besucherinnen und Besucher an. Sie beherbergt unter anderem kostbarste Handschriften, die zum Teil über 1000 Jahre alt sin. Trotz der unterschiedlichen Bauzeiten bilden der Klosterkomplex sowie die nachmittelalterliche Stadt St. Gallen und die historischen Häuserzeilen der Altstadt bis heute eine harmonische und vielbesuchte Einheit.

Klosterkirche St. Gallus

Die Geschichte der Stätte beginnt im Jahr 612. Der irische Wandermönch Gallus baute damals am Ort der heutigen Kathedrale ein Oratorium, um das vermutlich wenige Zellen von Glaubensbrüdern angeordnet waren. Dieses Gallusoratorium wurde rund 100 Jahre später von Abt Omar durch eine neue Kirche ersetzt. Das Kloster wurde bald zu einem der wichtigsten Zentren monastischen und wissenschaftlichen Lebens. Dadurch mussten schon im 8. Jh. Kirche und Kloster vergrößert werden. Aus dieser Zeit stammt er berühmte Klosterplan. Es ist der weltweit einzige original erhaltene Klosterplan aus karolingischer Zeit und kann als Idealplan für die Klosterarchitektur gelesen werden.

Heutzutage präsentiert sich die Kathedrale mit einer zentralen Rotunde, die von außen als eigentlicher Querbau wahrgenommen wird und die gleich langen Teile Langhaus und Chor verbindet. Östliche und westliche Fassaden sind eher nüchtern gehalten. Einziger Schmuck sind ein paar wenige Figuren. Die Ausbuchtungen der Rotunde sind dagegen reicher geschmückt. Den architektonischen Höhepunkt bildet die östliche, aus Sandstein gebaute Doppelturmfassade, die mit zahlreichen Schmuckelementen versehen ist und ihr so eine prachtvoll dynamische Wirkung verleiht. Der Innenraum bildet das sichere Gleichgewicht und schafft so einen Angelpunkt zwischen Rokoko und Klassizismus. Die Kathedrale von St. Gallen kann deshalb auch als eines der letzten großen Sakralbauwerke barocken Charakters gelten. Das Chorgestühl unterstütz mit seinen reichen Verzierungen das beeindruckende Gesamtbild.

Die Stiftsbibliothek mit ihrem Barocksaal

Die Stiftsbibliothek St. Gallen ist die älteste Bibliothek der Schweiz und eine der größten und ältesten Klosterbibliotheken der Welt. Ihr außerordentlich wertvoller Bücherbestand offenbart die Entwicklung der europäischen Kultur und dokumentiert die kulturelle Leistung des Klosters St. Gallen vom 8. Jahrhundert bis zur Aufhebung der Abtei im Jahr 1805.

Zahlreiche grundlegende Werke der europäischen Geistesgeschichte werden hier in bester Überlieferung aufbewahrt. Herzstück der Sammlung ist das weitgehend autochthone Korpus karolingisch-ottonischer Handschriften aus dem 8. bis 11. Jahrhundert. Darunter ist auch eine wichtige Sammlung irischer Handschriften. Ferner stehen im Barocksaal rund 1’000 Inkunabeln oder Wiegendrucke und mehrere Hundert Frühdrucke.

Der Gesamtbestand der Bibliothek beträgt rund 175’000 Bände, wovon zirka 30’000 im barocken Bibliothekssaal aufgestellt sind. Als heimliche Hauptattraktion gelten jedoch die mumifizierten, sterblichen Überreste von Schepenese, die um 650 bis 610 vor Christi Geburt lebte.

Des weiteren beherbergt die Bibliothek die wissenschaftlichen und literarischen Handschriften der ehemaligen Abtei. Sie ist zudem auch eine moderne wissenschaftliche Bibliothek mit Ausrichtung auf die Epoche des Mittelalters.

Über dem mit Säulen flankierten Portal des Barocksaals enthält eine Kartusche die griechische Inschrift ΨYXHΣ IATPEION, was frei übersetzt „Heilstätte der Seele“ oder „Seelen-Apotheke“ heißt. Der Saal selbst ist als fünfjochige Wandpfeilerhalle mit einer rund herum reichenden Galerie angelegt. In der Länge wechseln sich Bücherschränke und Fensternischen wellenförmig ab. Die Pfeiler sind in die Halle eingedrückt und an den Ecken mit korinthischen Ziersäulen verstärkt. Zwischen solchen und flachen Pilastern stehen die Bücher in vergitterten Büchergestellen.

Besonders wertvoll ist der Fußboden aus Tannenholz, in dem vier große Sterne und rankenartige Schwingungen als Intarsien aus Nussbaumholz eingelassen sind. Deshalb darf der Saal auch nur mit Filzpantoffeln betreten werden. Die kunstvolle und ebenfalls sehr wertvolle Inneneinrichtung aus Holz wurde in der klostereigenen Schreinerei hergestellt. Die Decke ist mit zahlreichen kunstvollen Stuckaturen und Gewölbebildern ausgestattet. Die größten Bilder stellen die vier ersten ökumenischen Konzilien dar. Eine Eisentüre an der Südseite der Galerie führt ins nicht zugängliche ehemalige Handschriftenkabinett mit wertvollen Intarsienarbeiten, die ebenfalls aus der klostereigenen Werkstatt stammen.

Unter den Äbten Ulrich Rösch und Franz Gaisberg blühte im 15./16. Jahrhundert die Buchkunst wieder auf und es wurden Büchersammlungen verschiedener Gelehrter erworben. Einen letzten bedeutenden Zuwachs an mittelalterlichen Handschriften erfuhr die Bibliothek unter dem zweitletzten Fürstabt Beda Angehrn (1767-1796). Nach der Aufhebung des Gallusklosters im Jahre 1805 konnte die Bibliothek am gleichen Ort bewahrt werden. Ihre Trägerschaft bildet seither der Katholische Konfessionsteil des Kantons St. Gallen, die kantonale öffentlich-rechtliche Körperschaft der St. Galler Katholiken.

Heute ist die Stiftsbibliothek einerseits eine öffentliche Studienbibliothek, die von Forschenden aus der ganzen Welt aufgesucht wird, andererseits ein viel besuchtes Museum mit dem weltberühmten barocken Bibliothekssaal. Er gilt als einer der schönsten barocken Bibliotheksräume im Bodenseeraum und besitzt eine außerordentliche Ausstrahlung. Die Bibliothek zieht wegen dieses Raums und der in ihm gezeigten Ausstellungen jährlich rund 120’000 Gästen an und gehört damit zu den meistbesuchten Museen der Schweiz.

Das Stiftsarchiv

Das Stiftsarchiv St. Gallen ist das älteste Klosterarchiv des Abendlandes. Es verdankt seine Erhaltung einer seit mehr als 1200 Jahren ununterbrochenen Aufbewahrungstradition. Seine Bestände reichen bis in die Mitte des 8. Jahrhunderts zurück und enthalten über 850 Original-Urkunden aus der Zeit vor dem Jahr 1000. Darin finden sich die Ersterwähnungen von etwa tausend Städten, Dörfern und Weilern in der Schweiz, Deutschland, Österreich und Frankreich.

Der Stiftsbezirk von St. Gallen wurde aufgrund des Einflusses, die der dort teilweise realisierte Klosterplan auf die gesamte Klosterarchitektur ausgeübt hat, und als typisches Beispiel eines großen Benediktinerklosters auf die Liste des Welterbes aufgenommen. Als Ort des Wissens und der Kultur ist der Stiftsbezirk ein herausragendes Beispiel einer funktionalen und kulturellen Kontinuität, die sich in einer lückenlosen Baugeschichte widerspiegelt.

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